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Monday, 3 November 2008
Ozean der Weisheit, grosse Leuchte, Gegenwart Buddhas?
Allen, die die einseitige Berichterstattung hiesiger Medien über den Konflikt um Tibet satt haben, empfehle ich die Lektüre des in 2. Auflage erschienenen Werks Dalai Lama - Fall eines Gottkönigs von Colin Goldner. Es handelt sich um eine akribisch recherchierte Biographie von Tenzin Gyatso, auch bekannt als der 14. Dalai Lama. Eingestreut sind Exkurse zu verschiedenen Aspekten der tibetischen Geschichte und des tibetischen Buddhismus. Goldner entlarvt die vom Dalai Lama und seiner Gelbmützensekte verbreiteten Schauergeschichten über die Zustände im heutigen Tibet als Propaganda, ohne dabei die Propaganda der Volksrepublik China schönzureden.
Schön herausgearbeitet sind die Parallelen des (tibetischen) Buddhismus zu den drei grossen monotheistischen Religionen. Die Mönchskaste des "alten" Tibet hatten selbstverständlich sowohl die geistliche als auch weltliche Herrschaft inne - soweit nichts Neues. Aber das ausgeklügelte System, mit dem die einfachen, oftmals in Leibeigentschaft gehaltenen Leute, ruhig gehalten und gestellt wurden, sucht seinesgleichen. Laut Dogma riskiert, wer schlechtes Karma auf sich lädt, im nächsten Leben als Haustier oder gar in einer von vierzehn (?!) Höllen wiedergeboren zu werden. Besonders viel negatives Karma gibt's natürlich - wie könnte es auch anders sein - für Auflehnung (so gering sie auch sein mag) gegen Mönche. Abgestraft wurde jedoch nicht erst in der nächsten Reinkarnation, die Klöster im "alten" Tibet, d.h. bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts, hatten eine Vielfalt von Foltertechniken bis zur Perfektion entwickelt. Da es tibetischen Buddhisten verboten ist, zu töten, stellte man sich bigotterweise auf den Standpunkt, dass man ja mit Folter niemanden töte. Man folterte einfach so lange, bis das Opfer fast tot war, und überliess es dann seinem Schicksal. Besonders beliebte Strafen waren, ebenfalls bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, Amputationen von Gliedmassen, Zungen, Ohren und das Ausstechen von Augen. Diese Zustände klingen nach Mittelalter, dauerten aber bis vor weniger als einem Jahrhundert an.
Dass die Tibeter vom Regen in die Traufe, bzw. von einem Terrorregime (der Mönche) nahtlos unter ein zweites Terrorregime (der Chinesen), gelangten, soll weder die Grausamkeiten der einen noch der anderen rechtfertigen. Aber es zeigt, dass das Leben vor dem Einmarsch der Chinesen alles andere als paradiesisch war - zumindest für Nicht-Mönche.
Goldner zeigt auf, dass der 14. Dalai Lama sich im Westen als Vorreiter für Frieden, Demokratie und Umweltschutz gibt (die Begriffe sind beliebig austauschbar durch Projektionen westlicher Verklärtheit), selbst aber trotz Wasserpredigten Wein trinkt und äusserst perverse Ansichten vertritt. Obwohl er immer wieder Gewaltlosigkeit propagiert, äusserte er sich mehrmals bewundernd über den Einsatz von Gewalt durch tibetische Unabhängigkeitskämpfer. Obwohl er zu einer vegetarischen Lebensweise rät, isst er selbst Fleisch. Da gläubige Tibeter keine Tiere töten dürfen, überlässt man die Drecksarbeit Ungläubigen. Das Fleisch kann man dann getrost und im Einklang mit den buddhistischen Lehren konsumieren, da man ja nicht selbst Hand angelegt hat. Und so weiter, uns so fort.
Wer sich etwas Aufklärung gönnen möchte, sollte zugreifen. Doch Vorsicht, Goldner geht unzimperlich mit dem grinsenden Gelbmützenkasper ins Gericht, was sich auch in seiner Sprache äussert. Nichts für zart Besaitete.
Posted at 08:40 by Thomas in Reason | Comments[0]