Wachstum = Dynamik?

In der Basler Zeitung (BaZ) vom 13. Oktober beschreibt Klaus Kügel, Ökonom aus Reinach (BL), auf Seite 10 unter dem Titel "Einspruch - Die Zukunft beider Basel" die Bevölkerungsentwicklung der beiden Halbkantone Basel-Stadt (BS) und Basel-Landschaft (BL) zwischen 2000 und 2010 im Vergleich zur Entwicklung der schweizerischen Gesamtbevölkerung. Seine Angaben für das Jahr 2000 sind falsch. Die Zahlen für die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz und der Kantone können der Website des Bundesamts für Statistik (BFS) entnommen werden (z.B.
hier und hier). Es ist zugegebenermassen nicht ganz einfach, die korrekten Angaben aus dem Wust an Excel-Tabellen, die das BFS zur Verfügung stellt, zu fischen. Die falsch berechneten prozentualen Bevölkerungsanteile der Kantone BS und BL, welche Herr Kügel in seinem BaZ-Artikel nennt, sind nicht weiter schlimm. Haarsträubend sind jedoch die Schlussfolgerungen, die der Ökonom zieht. Weil der relative Anteil der Bevölkerung der Kantone BS und BL gegenüber der Schweizer Gesamtbevölkerung von 6.21 % im Jahre 2000 (Herr Kügel kommt auf den falschen Wert 6.14 %) auf 5.81 % fiel, folgert Herr Kügel, dass mehr Schweizer die Region Basel verliessen, als zuzogen. (Wie er zum Schluss kommt, dass es nur Schweizer sind, die die Region verliessen oder zuzogen, bleibt sein Geheimnis – die Angaben des BFS, die er für seine "Berechnungen" verwendet, beziehen sich auf die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz und umfassen so auch Menschen ohne Schweizer Staatsangehörigkeit). Er übersieht dabei, dass absolut gesehen die Bevölkerung in der Region um 11'651 Menschen wuchs. Relatives und absolutes Wachstum gleichzusetzen, ist zwar schon dilettantisch genug. Aber der Ökonom setzt noch einen drauf. Weil er offenbar den Unterschied zwischen relativem und absolutem Wachstum nicht kennt (oder ignoriert?) und meint, die Bevölkerung der Region sei geschrumpft, fragt er sich: "Ist die Region Basel noch dynamisch?" Auch diese Schlussfolgerung entbehrt jeder Grundlage. Ein System, dessen Anzahl Komponenten über die Zeit hinweg nur geringen Schwankungen ausgesetzt ist, kann durchaus hochdynamisch sein, wenn die einzelnen Komponenten einer hohen Austauschrate unterliegen. Ein schönes Beispiel dafür ist unser Körper: Etwa alle sieben Jahre werden ca. 90 % unserer Zellen durch neue ersetzt (vgl. z.B. den Wikipedia-Artikel zum Thema Altern). Die Veränderung der Anzahl Einwohner der Region Basel sagt deshalb nichts über die Dynamik (im eigentlichen Sinn des Worts) der Region aus. Trotzdem setzt Herr Kügel Wachstum mit Dynamik gleich. Dies rührt wohl daher, dass für viele Ökonomen "Dynamik" und "Wachstumsdynamik" ein und dasselbe sind. "Wachstumsdynamik" bezieht sich meines Wissens üblicherweise auf Wirtschaftswachstum, aber Herr Kügel weitet diese Definition auf weitere Formen des Wachstums aus (eben beispielsweise das Bevölkerungswachstum). Damit zementiert er zugleich das Bild des Ökonomen, der an das vermeintlich ewigwährende (Wirtschafts-)Wachstum als Allheilmittel für alle Probleme dieser Welt glaubt. Oder um es mit den Worten von Kenneth Boulding zu sagen: "Anyone who believes exponential growth can go on forever in a finite world is either a madman or an economist." (Leider gibt es für das Zitat keine Quelle.) Für die "Zukunft der Region Basel" benötigen wir nicht nur Menschen, die einfache Rechenaufgaben zu lösen vermögen, sondern v.a. auch Menschen, die begriffen haben, dass wir uns vom (Wirtschafts-)Wachstumszwang lösen und die Weichen in Richtung einer Postwachstumsgesellschaft stellen müssen. Dies betrifft wohlverstanden sowohl das Wirtschafts- als auch das Bevölkerungswachstum.

PS: Obiges habe ich in verkürzter Form in einem auf 1100 Zeichen limitierten Leserbrief an die BaZ geschickt (am 14. Oktober 2011). Bisher wurde er nicht abgedruckt.

Laut Bundesamt für Statistik betrug die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz per 31. Dezember 2000 7'204'055. In den Kantonen BS und BL lebten 187'667 (2.61 %) respektive 260'036 (3.61 %) Menschen, zusammen waren dies 447'703 Menschen bzw. 6.21 % der Schweizer Bevölkerung. Ende 2010 lebten in den beiden Halbkantonen 459'354 Menschen bzw. 5.84 % der Schweizer Bevölkerung. Die prozentualen Angaben von Herrn Kügel für das Jahr 2000 sind folglich falsch. Dies wäre nicht weiter schlimm, wenn er sich, basierend auf dem im Vergleich zu anderen Regionen langsameren relativen Bevölkerungswachstum der Region Basel, nicht zu folgender Aussage hätte hinreissen lassen: "Heute hingegen verlassen mehr Schweizer die Region, als zuziehen." Dies ist Unsinn, denn in absoluten Zahlen wuchs die Wohnbevölkerung der beiden Basel zwischen 2000 und 2010 um 11'651 Menschen. Die nachfolgende Aussage ("Ist die Region Basel noch dynamisch?") legt deshalb den Schluss nahe, dass der Ökonom fatalerweise Dynamik mit Wachstum gleichsetzt – kein geeignetes Rezept für "die Zukunft beider Basel", wie ich finde.

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